Seit 18 Jahren leitet Jörg Hohl die Abteilung Betrieb des Bereichs Wasser, Gas und Wärme der St.Galler Stadtwerke. Zum Wasser hat der 55-Jährige seit seiner Kindheit einen besonderen Bezug. Im Interview spricht er über verunreinigtes Bodenseewasser, die Versorgungssicherheit und das neue Seewasserwerk Riet II.
Herr Hohl, die meisten Menschen nehmen Wasser, Gas und Wärme als selbstverständlich wahr. Was passiert im Hintergrund, damit dies so bleibt?
Im Hintergrund läuft ein komplexer Betrieb, von dem die Menschen im Alltag wenig bis gar nichts mitbekommen. Und das ist auch gut so. Wir steuern unsere Netze für Wasser und Gas über zwei zentrale Leitsysteme, das für die Fernwärme wird zurzeit erweitert. Dazu kommt ein Pikett-Dienst, der rund um die Uhr, sieben Tage in der Woche, sicherstellt, dass bei Störungen sofort reagiert werden kann. Die Einsätze sind oft anspruchsvoll, weil viele Aufgaben spezialisiert sind und teilweise externe Fachleute beigezogen werden müssen. Unser Ziel ist klar: Die Versorgung soll stabil, redundant und möglichst automatisiert funktionieren, sodass sie für die Bevölkerung gar nicht erst zum Thema wird.
Was ist der grösste Unterschied zwischen Wasser, Gas und Wärme?
Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass wir mit Wasser ein Lebensmittel transportieren. Gas und Wärme sind technisch gut steuerbar, während die Qualität des Wassers schwanken kann. Hier liegt die grosse Herausforderung. Wir sind für eine konstante, optimale Qualität verantwortlich und werden dafür sowohl intern als auch von aussen streng kontrolliert. Dieses «Trink» im Trinkwasser definiert unsere Arbeit und die Verantwortung, die wir tragen.
Im Seewasserwerk Riet II werden wir eine Wasseraufbereitung haben, die deutlich weiter geht als heute.
Bleiben wir beim Trinkwasser: Welches sind die grössten Gefahren bei der Versorgung?
Jörg Hohl beschäftigt sich beinahe sein gesamtes Leben mit Wasser. Während seiner Ausbildung zum Bauingenieur arbeitete er in einer Kläranlage, anschliessend führte ihn der berufliche Weg zunächst zur Wasserversorgung Rorschach, wo er während fünf Jahren tätig war. Seit 18 Jahren arbeitet er nun bei den sgsw, ebenso lange ist er Abteilungsleiter Betrieb des Bereichs Wasser, Gas und Wärme. Der 55-Jährige wohnt mit seiner Familie in Teufen und geht in der Freizeit gerne wandern und biken. Sofern es die Zeit zulässt, ist das Reisen ebenfalls ein willkommener Ausgleich zum ausfüllenden Versorger-Job.
Die grössten Risiken sind aussergewöhnliche Ereignisse, wie etwa eine grossflächige Verunreinigung des Bodensees. Ein Teil unseres Wassers kommt heute über Anlagen aus Rorschach und Arbon, die schon etwas älter sind, nach Goldach und wird dann von dort nach St.Gallen gepumpt. Wenn der Bodensee durch einen Unfall stark verschmutzt wäre und wir das Wasser im Seewasserwerk Frasnacht sowie in Rorschach und Arbon nicht mehr qualitativ genügend aufbereiten könnten, dann dürften wir auch kein Trinkwasser mehr abgeben. Das ist ein Szenario, das wir unbedingt vermeiden wollen. Deshalb wurde das Seewasserwerk Riet II initiiert.
Was ist das Besondere an diesem Seewasserwerk?
Im Seewasserwerk Riet II werden wir eine Wasseraufbereitung haben, die deutlich weiter geht als heute. Selbst wenn das Seewasser verunreinigt ist, können wir es so behandeln, dass es weiterhin als Trinkwasser genutzt werden kann. Das gibt uns zusätzlich Sicherheit. Es ist wichtig, dass wir die Risiken abfedern, bevor sie zum Problem werden. Im Seewasserwerk Frasnacht haben wir beispielsweise vor ein paar Jahren ein Notstromaggregat installiert, so können wir bei einem Blackout während mindestens 36 Stunden weiterhin Trinkwasser in die Stadt pumpen. Wenn im August 2026 die Bauarbeiten für das Seewasserwerk Riet II beginnen, geht eine fast siebenjährige Planung zu Ende. Wir rechnen mit einer Bauzeit von rund drei Jahren. Dank dieses Werks können wir unsere Trinkwasserversorgung langfristig stabil und widerstandsfähig aufstellen.
Die Wasserversorgung St. Gallen feiert 2026 ihr 555-Jahr-Jubiläum. Was bedeutet das für Sie persönlich und die Entwicklung der Versorgung in der Stadt?
Wie funktioniert die Trinkwasserversorgung? Und was braucht es, damit das Wasser rund um die Uhr in entsprechender Qualität fliesst? Antworten auf diese Fragen gibt es am 22. August 2026 beim grossen Jubiläumsanlass «555 Jahre Wasserversorgung St. Gallen». Auf dem Gallusplatz sind von 10 bis 16 Uhr verschiedene Aktivitäten rund um das Thema Wasser und Wasserversorgung geplant. Zudem gibt es die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen der St.Galler Stadtwerke zu werfen. Für Verpflegung ist ebenfalls gesorgt.
Für mich steht weniger die Vergangenheit im Vordergrund als die Gegenwart und die Zukunft. Natürlich ist es bemerkenswert, dass die Versorgung auf eine so lange Geschichte zurückblickt. Gleichzeitig zeigt das Jubiläum auch, wie wichtig kontinuierliche Weiterentwicklung ist. Dass wir gerade in diesem Jahr mit einem Projekt wie dem Seewasserwerk Riet II einen neuen Meilenstein setzen können, ist ein schönes Zeichen. Persönlich habe ich ohnehin eine enge Verbindung zum Wasser. Ich bin am Bodensee aufgewachsen und mein Vater hat in einer Kläranlage gearbeitet. Ich habe mich dann aber für das saubere Wasser entschieden. Das Jubiläum ist für mich auch ein Moment, um innezuhalten und festzustellen: Unsere Infrastruktur ist in gutem Zustand, und wir sind bereit für die nächsten Schritte.
