Hinter Absperrungen, tiefen Gräben und Schwerlastmaschinen erneuern die St.Galler Stadtwerke ein Stück verborgene Infrastruktur. Im Linsebühlquartier ersetzen sie Wasserleitungen, optimieren Hydranten und bauen die Fernwärme aus. Jesse Van der Sar und Kurt Fleuti leiten die Arbeiten. Mit den Teams vor Ort stimmen sie jede Aufgabe ab und bringen Planung und Ausführung zusammen.
Morgenverkehr. Unten im Werkleitungsgraben koppelt ein Monteur zwei Rohrstücke. Oben drängt ein Lieferwagen an den Abschrankungen vorbei. Ein Hundehalter bleibt stehen und mustert die bunten Leitungen in der Senke. Er stutzt und schlendert mit seinem Vierbeiner weiter. Für den Passanten ist es ein aufdringliches Loch. Für Jesse Van der Sar öffnet sich hier ein Blick in die Zukunft.
Als Projektleiter Tief- und Rohrleitungsbau der St.Galler Stadtwerke koordiniert Van der Sar hier den Leitungsbau. Mit Geschick jongliert er Pläne, Abläufe und Baustellenrealität, damit sich die kleine Welt zwischen Schwalben-, Flora- und Konkordiastrasse weiterdreht. Anwohnende wollen zu ihren Häusern, Gewerbe braucht Anbindung, Mobilität soll möglichst im Fluss bleiben.
«Nachhaltigkeit ist für mich kein Greenwashing auf Papier», schmunzelt Van der Sar und verfolgt, wie der Bagger einen Graben verfüllt. «Sie muss morgens um 07:00 Uhr auf der Baustelle funktionieren, und zwar bei Verkehr, engen Platzverhältnissen und Menschen, die trotz Erschwernissen zuverlässig versorgt sein wollen.» Ein paar Schritte weiter mustert er den angrenzenden Graben. Dort kontrolliert er ein ausgehobenes Segment des städtischen Aderwerks. Jeder Blick prüft, bevor eine Entscheidung fällt.
Ein Graben, tausend Handgriffe
Was von aussen wie ein einzelner Eingriff wirkt, entpuppt sich im Linsebühl als eng getaktetes Zusammenspiel mehrerer Dienststellen. Wenn der Strassenraum schon offenliegt, muss das Einsatzteam ihn sinnvoll nutzen: Wasser, Gas, Fernwärme, Hydranten und später die Stromversorgung greifen ineinander. Das erhöht zurzeit den Abstimmungsbedarf, erspart dem Quartier aber längere Belastungen.
Erfahrung hilft. Doch im Tiefbau hat der Boden das letzte Wort und erzwingt jeden Tag neue Antworten. «Die Bodenverhältnisse sind bisher erfreulich gut. Erst wenn der Asphalt weg ist, sehen wir jedoch, womit wir es wirklich zu tun haben», erklärt Van der Sar.
Der Platz bleibt knapp. Unter der Strasse kreuzen sich Leitungen, Anschlüsse und Schächte. Darüber laufen Alltag und Logistik weiter. Jeder Handgriff zählt. Wo ein Rohr verläuft, kann kein anderes liegen. Wo ein Zugang offen bleibt, fehlt Arbeitsraum. Ein Tetris-Spiel unter Asphalt, nur ohne Reset-Taste.
Klimaziele mit Anschluss
Das Energiekonzept 2050 soll St.Gallen klimaneutral machen. In der Wärmeversorgung geht es darum, fossile Heizungen durch Fernwärme, nutzbare Abwärme und erneuerbaren Energien zu ersetzen. Im Linsebühl zeigt sich diese Strategie nicht als Versprechen, sondern konkret als sauber gesetztes Rohr im Boden. Van der Sar interessiert der Moment, in dem aus einem Ziel Infrastruktur entsteht und aus Strategie Betrieb. Nachhaltige Technologie zählt für ihn erst, wenn sie im Alltag über Generationen hinweg Langlebigkeit beweist.
Vermessungsdaten und Bodeninstinkt
Auf dem Grubensteg vertiefen sich Van der Sar und Kurt Fleuti in einen Leitungsplan. Eine Frau mit Einkaufstaschen schiebt sich seitlich an ihnen vorbei. Ein kurzes «Grüezi«, dann übernimmt wieder das Planpapier. Es zeigt, was unter dem Asphalt liegen sollte. Einmesser erfassen die Leitungen, sobald sie in der offenen Trasse sichtbar sind, und übertragen die Daten ins Geoinformationssystem, kurz GIS – das digitale Gedächtnis des Untergrunds. So sammelt die Stadt regelmässig Vermessungsdaten zur unterirdischen Infrastruktur.
Massgebend bleibt die Beurteilung der Situation im Graben. Van der Sar und Fleuti vergleichen die verzeichneten Elemente mit dem, was vor ihnen liegt. Stimmen Lage und Tiefe? Taucht ein alter Anschluss auf? Fehlt etwas? Manchmal erzählt der Boden eine andere Geschichte als der Plan. Dann entscheidet nicht die Linie auf dem Blatt, sondern der Fachblick vor Ort. Jede neue Einmessung erweitert das Bild des Untergrunds und hilft den nächsten Teams, präziser zu planen.
Van der Sar kennt das Erdreich aus eigener Praxis. Nach seiner Ausbildung zum Strassenbauer bildete er sich zum Vorarbeiter, Polier und schliesslich zum Bauführer weiter. Er weiss, wie sich ein Werkleitungsgraben anfühlt, bevor er ihn zur Ausführung bringt. Heute hilft ihm diese Laufbahn, technische Vorgaben, Zeitdruck und Quartieralltag dann zu bündeln, wenn jede Schaufelladung zählt und kaum Raum für Abweichungen bleibt.
Es macht mich stolz, 80’000 Menschen in St.Gallen täglich mit qualitativ hochwertigem Trinkwasser zu versorgen.
Wo der Graben widerspricht
Kurt Fleutis Tag beginnt mit Sitzungen, Abklärungen und Werkstattbesuch. Klingt absehbar, fordert draussen aber volle Präsenz. In seiner Funktion als Ressortleiter Netzbau Gas Wasser übersetzt er zwischen Planung und Wirklichkeit, Sicherheit und Tempo, Fachstellen und Monteuren.
Das Bauareal im Linsebühl beschreibt er kurz als «komplex, klein und anspruchsvoll». Ein Spannungsfeld unter Druck; wenig Raum, viele Ansprüche und schwierige Wege. Seit 25 Jahren arbeitet Fleuti bei den St.Galler Stadtwerken. Er begann als Monteur, wechselte ins Marketing, später in den Gasverkauf und kehrte in den Netzbau zurück. «Back to the Roots», sagt er und lächelt.
Manchmal steht Fleuti am Rand einer Trasse, analysiert eine Lösung und stockt. «Wie seid ihr denn darauf gekommen?» Dann schaut er genauer hin. Oft folgt die Überraschung, und er erkennt: «Die Monteure finden Wege, die auf keinem Sitzungsprotokoll stehen. Sie drehen ein Detail, sichern anders, schaffen Platz, wo kaum Platz ist.»
Für solche Abläufe braucht es Vertrauen. Fleuti nimmt seine Monteure ernst, fordert sie und lässt ihnen Raum für Lösungen – selbst wenn etwas schiefläuft. «Mit einer positiven Haltung und konstruktivem Feedback erreicht man deutlich mehr, als wenn man nur auf Fehler achtet», bekräftigt er. Auf einer Baustelle mit Gräben, schweren Maschinen und ungeduldigem Verkehr ist das keine nachgiebige Haltung, sondern Disziplin.
Unterbruch ist keine Option
Hindernisse, Umwege und Maschinenlärm beeinträchtigen den Alltag im Linsebühl. Doch gerade wenn der Strassenraum offenliegt, darf im Untergrund nichts abreissen. Wasser muss fliessen. Wärme muss ankommen.
Für Fleuti ist Versorgungssicherheit deshalb keine Worthülse, sondern gelebte Verantwortung. «Es macht mich stolz, rund 80’000 Menschen in St.Gallen täglich mit qualitativ hochwertigem Trinkwasser zu versorgen. Als St.Galler empfinde ich diese Aufgabe als Privileg und bin mir der Verantwortung bewusst.»
Damit der Wasserhahn zuverlässig läuft, braucht es Abstimmung, Kontrollen und Teams, die auch dann reagieren, wenn andere Feierabend haben. Diese Verlässlichkeit verlangt Einsatz.
Am Ende des Arbeitstags zählt für Kurt Fleuti nicht nur das fertige Leitungsstück. Vor allem freut er sich über den Moment, in dem der Druck nachlässt, weil eine Lösung greift. In seiner Freizeit findet er Ausgleich bei Familie und sportlichen Aktivitäten. Kameradschaft, Loyalität und Respekt nimmt er mit zur Arbeit.
Wenn oben Ruhe einkehrt
Fleuti treibt zum nächsten Termin. Van der Sar steigt auf sein E-Bike. Für heute endet die Visite. Im Linsebühlquartier bleibt vorerst alles in Bewegung. Sobald die Maschinen die letzten Gräben schliessen und das Quartier seine Strassen zurücknimmt, legt sich oben die Unruhe. Was bleibt, ist das Aderwerk unter der Oberfläche. Wasser strömt. Wärme zirkuliert. Ressourcen fliessen. St.Gallen wächst robuster in die nächste Generation.
