Die Zahl der E-Ladestationen, Wärmepumpen und Solaranlagen wächst. Damit die Versorgungssicherheit trotz dieser zusätzlichen Lasten gewährleistet ist, muss das Stromnetz ausgebaut werden. Federführend bei den St.Galler Stadtwerken ist Peter Stäger. Er und sein Team haben die neue Netzstrategie erarbeitet.
Was beschäftigt Sie als Bereichsleiter Netz Elektrizität und Telecom zurzeit am meisten?
Auf der einen Seite haben wir das Tagesgeschäft, das mich und meine 114 Mitarbeitende sehr beansprucht. Wir sind dafür verantwortlich, dass die Grundversorgungsinfrastruktur Strom- und Glasfasernetz in der Stadt St.Gallen funktioniert. Das heisst: Wir erneuern laufend die Infrastrukturen, schliessen neue Kundinnen und Kunden an und stellen den Betrieb der Netze sicher. Auf der anderen Seite sind wir damit beschäftigt, die für die Umsetzung unserer neuen «Strategie Netz Elektrizität» nötigen finanziellen und personellen Mittel zu beschaffen sowie die konzeptionellen Grundlagen auszuarbeiten.
Weshalb brauchen die St.Galler Stadtwerke eine neue Stromnetzstrategie?
Das Stromnetz ist ein entscheidender Faktor bei der Umsetzung der Energiestrategie des Bundes respektive des Energiekonzepts der Stadt St.Gallen. Es sind aus meiner Sicht die seit 125 Jahren grössten Veränderungen, die in den nächsten 10 bis 20 Jahren auf das Stromnetz zukommen. Da es immer mehr E-Ladestationen, Wärmepumpen und PV-Anlagen gibt, werden künftig grosse zusätzliche Lasten und mehr dezentrale Einspeisungen auf das Niederspannungs-Verteilnetz einwirken. Aus diesem Grund haben wir in den vergangenen drei Jahren an einer neuen Netzstrategie gearbeitet. Sie zeigt auf, wie wir das Stromnetz bis 2050 ausbauen müssen, um eine Überlastung zu verhindern und die Stromversorgung in der Stadt langfristig sicherzustellen.
Es sind die seit 125 Jahren grössten Veränderungen, die in den nächsten 10 bis 20 Jahren auf das Stromnetz zukommen.
Peter Stäger arbeitet seit 16 Jahren bei den St.Galler Stadtwerken. Zunächst baute er für die Erstellung des Glasfasernetzes den Bereich Telecom auf, 2017 übernahm der heute 60-Jährige die Leitung des damals neu zusammengelegten Bereichs Netz, Elektronik und Telecom. Vor seiner Zeit bei den St.Galler Stadtwerken hat der gelernte Elektromonteur, der sich laufend weiterbildete, während 10 Jahren bei der Swisscom in den Branchen Elektronik, IT und Telekommunikation gearbeitet. Peter Stäger ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und wohnt in Niederbüren. In seiner Freizeit reist er gerne und treibt regelmässig Sport.
Können Sie Beispiele solcher Ausbauprojekte nennen?
Um im Netz mehr Leistung zur Verfügung zu stellen, muss das Mittelspannungsnetz auf eine Spannungserhöhung von 10'000 auf 20'000 Volt vorbereitet werden, die ab 2035 schrittweise umgesetzt wird. Damit müssen wir für rund 25 Millionen Franken auch das Unterwerk an der Steinachstrasse mit Leistungstransformatoren und Hochspannungsleitungen neu bauen. Ergänzend dazu verstärken wir Trafostationen und Leitungen im Mittel- und Niederspannungsnetz. Insgesamt rechnen wir bis 2030 mit Investitionen von rund 80 Millionen Franken. Gleichzeitig arbeiten wir innerhalb der St.Galler Stadtwerke gemeinsam an der Realisierung eines «virtuellen Kraftwerks». Ziel ist es, alle Produktions- und Verbrauchsanlagen in St.Gallen als integriertes Gesamtsystem zu betrachten und die Energieflüsse gezielt zu steuern. Damit sollen der Energieverbrauch und die Netzausbaukosten reduziert werden.
Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich zudem konfrontiert?
Unsere Branche steckt inmitten vieler grundsätzlicher Veränderungen. Nebst der Dekarbonisierung und der Dezentralisierung ist es die Digitalisierung, die uns beschäftigt. Wir haben einen grossen Nachholbedarf bei der Nutzung von IT-Lösungen, der digitalen Datengewinnung und -verwendung sowie bei der Automatisierung der Prozesse. Um dies voranzutreiben, haben wir seit dem 1. Januar 2023 den neuen Bereich Digitalisierung und IT mit zusätzlichem Fachpersonal. Weiter werden wir ab 2025 alle mechanischen Stromzähler durch Smart Meters ersetzen. Eine grosse Herausforderung ist auch der Fachkräftemangel. Aktuell ist es sehr schwierig, qualifiziertes Personal zu finden. Das betrifft sowohl IT-Fachleute und Ingenieurinnen und Ingenieure als auch die für uns wichtigen Netzelektrikerinnen und Netzelektriker. Wir werden neue Wege gehen und zusätzliche Kanäle nutzen müssen, um die entsprechenden Fachleute gewinnen zu können. Für die Umsetzung der neuen Netzstrategie sind wir zwingend auf motivierte, gut ausgebildete Mitarbeitende angewiesen.
2022 haben die St.Galler Stadtwerke ihr 125-Jahr-Jubiläum gefeiert. Was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie auf das Jahr zurückblicken?
Es war einerseits schön zu sehen, wie sich die Mitarbeitenden für die Durchführung der Jubiläumsfeier ins Zeug legten. Der Berufsstolz war greifbar. Andererseits erkennt man, wenn man zurückblickt, wie viel Arbeit Generationen vor uns in die Weiterentwicklung des Stromnetzes investiert hatten. Davor habe ich grossen Respekt. Gleichzeitig ist es eine grosse Verantwortung, aber auch ein Ansporn, jetzt die richtigen Weichen für die künftige Sicherstellung der städtischen Stromversorgung zu stellen. Damit die nachfolgenden Generationen in einigen Jahrzehnten auch einmal sagen können: Die haben es in der Vergangenheit ziemlich gut gemacht.
Die nachfolgenden Generationen sollen in einigen Jahrzehnten auch einmal sagen können: Die haben es in der Vergangenheit ziemlich gut gemacht.
