Für ein stabiles Stromnetz braucht es ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Produktion und Verbrauch. Damit dieses Gleichgewicht gewahrt bleibt, sind präzise Daten und eine sorgfältige Kontrolle entscheidend. Julia Geiger ist Fachmitarbeiterin Energiedatenmanagement im Ressort Energielogistik der St.Galler Stadtwerke und sorgt dafür, dass Abweichungen früh erkannt werden.
Bei Ihnen im Energiedatenmanagement geht es in erster Linie darum, das Gleichgewicht im Stromnetz zu halten. Wie machen Sie das?
Das Stromnetz funktioniert nur dann stabil, wenn zu jedem Zeitpunkt gleich viel Strom produziert wie verbraucht wird. Weil Strom nur begrenzt gespeichert werden kann und kurzfristige Ausgleichsenergie teuer ist, wird dieses Gleichgewicht rechnerisch abgebildet und laufend kontrolliert. Unsere Aufgabe im Energiedatenmanagement ist es, sicherzustellen, dass die Messdaten zur Stromproduktion und zum Stromverbrauch vollständig und korrekt sind. Deshalb prüfen und validieren wir die Daten, bevor sie an die verschiedenen Marktpartner, wie Stromlieferanten, Bilanzgruppenverantwortliche oder Übertragungsnetzbetreiber, also die Swissgrid, weitergeleitet werden. Wichtig ist, dass Abweichungen früh erkannt und korrekt verrechnet werden. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Versorgungssicherheit und zur Stabilität des Stromsystems.
Weshalb müssen diese Energiedaten an verschiedene Marktpartner übermittelt werden?
Der Schweizer Strommarkt ist teilliberalisiert. Strom fliesst nicht nur physisch, sondern wird auch gehandelt. Damit das funktioniert, sind Produzierende und Verbrauchende in sogenannten Bilanzgruppen organisiert, die man sich wie ein virtuelles Konto vorstellen kann. Dieses Konto muss über eine bestimmte Periode ausgeglichen sein, also am Ende bei null stehen. Die Bilanzgruppenverantwortlichen planen im Voraus, wie viel Strom produziert und verbraucht wird. Dazu braucht es Prognosen und Fahrpläne, damit genug Energie zur richtigen Zeit zur Verfügung steht und das Netz stabil bleibt. Ohne die von uns überprüften Messdaten wären Handel, Bilanzierung und Abrechnung nicht möglich.
Ohne die von uns überprüften Messdaten wären Handel, Bilanzierung und Abrechnung nicht möglich.
Welchen Einfluss haben die Smart Meter auf das Energiedatenmanagement?
Smart Meter neues Fenster bringen einen grossen Fortschritt, weil sie den Stromverbrauch genauer abbilden. Statt eines Jahreswerts haben wir Viertelstundenwerte, also ein sehr detailliertes Bild davon, wie viel Strom ein Haushalt, ein Mehrfamilienhaus oder ein Unternehmen effektiv verbraucht. Je präziser die Daten sind, desto besser lassen sich Verbräuche verstehen und prognostizieren. So können wir den Strommarkt effizienter steuern und das Netz langfristig wirtschaftlich und nachhaltig betreiben.
Mit welchen Herausforderungen sind Sie in Ihrer Arbeit konfrontiert?
Eine der grössten Herausforderungen ist die stark wachsende Datenmenge, vor allem durch die Einführung der Smart Meter. Unsere Systeme müssen diese Daten zuverlässig verarbeiten können. Gleichzeitig ist die Datenqualität entscheidend, weil viele Folgeprozesse davon abhängen. Eine weitere Herausforderung ist der enge regulatorische Rahmen. Gesetzliche Vorgaben oder Detailregelungen können sich ändern und müssen fristgerecht umgesetzt werden. Dazu kommen fixe Termine, zu denen bestimmte Daten korrekt übermittelt werden müssen. Das klingt einfach, ist aber anspruchsvoll, weil alles ineinandergreift.
Welches Projekt beschäftigt Sie aktuell am meisten?
Julia Geiger arbeitet seit Sommer 2025 bei den sgsw im Ressort Energielogistik. Zuvor war sie bei einer Gemeinde im Kanton Zürich im Bereich Energie, Mess- und Stammdaten tätig. Die 29-Jährige ist im bayerischen Allgäu aufgewachsen und verfügt über einen Bachelor of Arts in Sozialökonomie und einen Master of Science in Marketing mit Fokus auf Datenanalyse. Bevor sie im Frühling 2024 in die Schweiz kam, sammelte sie bei einem Energieversorger in Deutschland Berufserfahrung im Energiedatenmanagement. Den Ausgleich zur Arbeit mit Zahlen und Analysen findet sie in den Bergen: im Sommer beim Wandern, im Winter auf den Skiern.
Ein Thema, das mich sehr interessiert, ist die Übermittlung von Produktionsdaten aus Photovoltaik-Anlagen. Es ist weniger ein Projekt, sondern vielmehr eine dauerhafte Aufgabe. Diese Daten sind zentral, weil sie die Grundlage für Herkunftsnachweise bilden, also für den Nachweis, woher der Strom stammt. Das schafft Transparenz im Strommarkt und ist wichtig, damit Förderinstrumente und unterschiedliche Stromtarife überhaupt korrekt funktionieren. Gerade im Kontext neuer gesetzlicher Rahmenbedingungen gewinnt die präzise Erfassung und Abgrenzung von Stromflüssen zusätzlich an Bedeutung. Der vom Schweizer Stimmvolk angenommene Mantelerlass schafft neue Vorgaben für Lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) und entwickelt bestehende Abrechnungsmodelle wie ZEV und EVG weiter. Diese Eigenverbrauchslösungen, bei denen lokal produzierter Strom möglichst vor Ort genutzt wird, sind besonders komplex. Es muss exakt berechnet werden, welcher Anteil aus der PV-Anlage stammt und welcher aus dem Netz bezogen wird. Smart Meter liefern die dafür nötige Datengrundlage, damit diese Modelle korrekt abgerechnet werden können und so einen echten Mehrwert sowie einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten.
