Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Der St.Galler Verein «Faith in Humanity» baut deshalb in west- und ostafrikanischen Dörfern Wasserstationen. Dank Spenden – auch aus dem Wasser-Rappen-Fonds der Stadt St.Gallen – können so Tausende Menschen nachhaltig mit sauberem Trinkwasser versorgt werden.
Es ist Zufall und doch hätte das Timing nicht besser sein können. Zwei Tage vor dem Internationalen Weltwassertag steht Kolumban Baumgartner im ghanaischen Kojobonipe bereit, um die fünfte Wasserstation des Vereins «Faith in Humanity» neues Fenster mit der Bevölkerung und weiteren Vereinsmitgliedern einzuweihen. Für das Dorf ist es ein grosser Tag. Vor gut einem Jahr erschütterten mehrere Todesfälle infolge von Typhus die Gemeinschaft. Dies, nachdem die alte Handpumpe erneut kaputt gegangen war und die Menschen ihr Wasser aus verschmutzten Quellen holen mussten. Ein sogenannter Trinkwasserkiosk soll deshalb nachhaltig Abhilfe schaffen.
«Sauberes Wasser ist kein Luxus, sondern die Grundlage für Gesundheit und Würde», sagt Kolumban Baumgartner, Initiator und Präsident des Vereins. Dank Spendengeldern konnte die solarbetriebene Anlage, die künftig rund 600 Haushalte oder 3000 Menschen mit sauberem Trinkwasser versorgt, innerhalb weniger Monate gebaut werden.
Schlüsselerlebnis vor 15 Jahren
Sauberes Trinkwasser für alle – dieses Ziel verfolgt die Stadt St.Gallen seit 2020 mit dem Fonds «Wasser-Rappen». Als «Blue Community» unterstützt sie damit weltweit Projekte, die den Zugang zu sauberem Wasser ermöglichen. Über 1'900 St.Galler Haushalte leisten bereits einen freiwilligen Beitrag und helfen so, nachhaltige Wasserversorgungsprojekte zu realisieren. Möchten auch Sie spenden? Hier geht es zum Anmeldeformular neues Fenster.
Die St.Galler Stadtwerke sind für die Verrechnung des «Wasser-Rappens» zuständig: Die Beiträge werden über die Energierechnung eingezogen und einmal jährlich gezielt an Hilfsorganisationen vergeben.
Für Projekte und Organisationen, die Unterstützungsbeiträge aus dem Wasser-Rappen-Fonds beantragen möchten, hat die Stadt St.Gallen unter stadtsg.ch/wasser-rappen neues Fenster ein Formular aufgeschaltet.
Kolumban Baumgartner ist pensionierter Berufsschullehrer und hat den Verein 2018 zusammen mit Volkan Karagülle und Stephan Weibel gegründet. Der Auslöser für sein Engagement liegt jedoch etwas weiter zurück. Vor rund 15 Jahren reiste er während eines Sabbaticals nach Guinea. Dort arbeitete er mit Jugendlichen, die auf der Strasse lebten, und vermittelte ihnen handwerkliche Grundkenntnisse in der Metall- und Holzverarbeitung. «In diesen drei Monaten habe ich gesehen, woran es überall fehlt», sagt er. Die sozialen Gegensätze im Land haben ihn geprägt: Auf der einen Seite eine kleine, wohlhabende Elite, auf der anderen Seite eine grosse Mehrheit, die ums tägliche Überleben kämpft.
Das Schlüsselerlebnis hatte er im Spital Donka in der guineischen Hauptstadt Conakry. Tausende Patientinnen und Patienten warteten dort auf ihre Behandlung. Manche starben vor den Türen, weil sie sich die Gebühren nicht leisten konnten. Ihm sei bewusst geworden, wie eng Armut, mangelnde Hygiene und fehlender Zugang zu sauberem Wasser zusammenhängten, sagt er und zog daraus die Konsequenz: «Wenn man helfen will, muss man beim Wasser ansetzen.»
Wasser-Rappen – kleiner Beitrag, grosse Wirkung
Über 2 Milliarden Menschen weltweit haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Mit dem Wasser-Rappen unterstützt die Stadt St.Gallen verschiedene Hilfsorganisationen dabei, die Wasserversorgung für betroffene Menschen zu verbessern. Helfen auch Sie mit.
Erstes Wasserprojekt in Guinea
Zurück in der Schweiz tauschte er sich mit Fachleuten aus. Sie rieten ihm, auf Grundwasser zu setzen. Für Kolumban Baumgartner war klar, dass es Trinkwasserstationen braucht, die nahe beim oder direkt im Dorf gebaut und von der Bevölkerung mitgetragen werden. Die Anlagen sollten einfach, aber stabil konstruiert sein, sodass sie vor Ort betrieben und im Bedarfsfall ohne grossen technischen Aufwand repariert werden können. Gleichzeitig realisierte er, dass er sein Engagement breiter abstützen muss. In Volkan Karagülle, Unternehmer und Mitgründer der Firma Ezy One, und Stephan Weibel fand er Gleichgesinnte. Gemeinsam riefen sie den Verein «Faith in Humanity» ins Leben mit dem Ziel, die Not der Bevölkerung in den ärmeren Ländern West- und Ostafrikas zu lindern.
Sie machten sich auf die Suche nach Sponsoren, und als ein erstes Mal genug Geld zusammengekommen war, reisten sie nach Conakry und bauten beim Zentrumsspital für 25’000 Euro eine Wasserstation für Neugeborene, Unterernährte und deren Eltern. Für weitere Projekte in Guinea fehlten dem Verein dann allerdings die zuverlässigen Partner vor Ort. Doch Kolumban Baumgartner gab nicht auf. Über persönliche Kontakte stiess er auf das Dorf Abotareye in Ghana, wo der Verein Anfang 2021 den ersten grossen Trinkwasserkiosk bauen konnte – auch dank der finanziellen Unterstützung aus dem Wasser-Rappen-Fonds der Stadt St. Gallen (siehe Kasten).
Ein Trinkwasserkiosk kostet insgesamt etwa 35'000 Franken. Für jenen in Abotareye erhielt der Verein 15'000 Franken aus dem Fonds. «Wir haben uns riesig über die Gelder gefreut», sagt er. «Sie waren entscheidend für den Bau des Wasserkiosks.» Daraufhin folgten weitere Projekte: eine Wasserstation für die beiden Dörfer Labun und Kujokrom (Ghana), welche mit 20’000 Franken aus dem Wasser-Rappen-Fonds unterstützt und 2024 in Betrieb genommen wurde, sowie eine Wasserpumpe für das Dorf Nyanagao und einen Wasserkiosk in Nzinje (Tansania). Beide Anlagen liefern seit 2025 sauberes Trinkwasser für die Dorfbewohnenden.
Hilfe muss nachhaltig sein
Einfach eine Wasserstation hinstellen, so wie es viele internationale Akteure tun, genüge aber nicht, sagt Volkan Karagülle. «Solche Anlagen funktionieren oft nur ein paar Monate. Danach fehlt Geld für Reparaturen. Niemand fühlt sich zuständig und alles zerfällt.» Deshalb geht der Verein einen anderen Weg. Die Verantwortlichen suchen früh das Gespräch mit Einheimischen und dem Dorfältesten. Vertrauen aufzubauen, sei zentral, weiss Kolumban Baumgartner. «Die Menschen müssen erleben, dass unsere Hilfe nachhaltig ist.» Nur wenn sie von Anfang an einbezogen werden, entstehe Verantwortung vor Ort.
Der Trinkwasserkiosk in Abotareye wird von der Dorfbevölkerung betrieben, gewartet und verwaltet. Dazu hat der Dorfrat ein Management-Komitee gebildet, das vom Vertreter von «Faith in Humanity» Ghana kontrolliert wird. Der Kiosk ist wie ein Pavillon gebaut und von einer Mauer umgeben, die ihn vor Diebstahl und Vandalismus schützt. Aus bis zu 85 Metern Tiefe wird Wasser heraufgepumpt, rund 5000 Liter pro Stunde. An sechs Wasserhähnen können die Menschen ihre Gefässe füllen und gleichzeitig – dank der Solarpanels auf dem Dach – ihre Handys laden. Geöffnet ist die Anlage frühmorgens bis abends um acht Uhr und bewacht wird sie von einheimischen Wächtern.
Der Kiosk versorgt 500 bis 600 Haushalte mit sauberem Trinkwasser, täglich kommen 3000 bis 4000 Menschen. Sie bezahlen nur einen Bruchteil des üblichen Preises, und zwar dann, wenn Erntezeit ist und sie etwas Geld zur Verfügung haben. Mit den Einnahmen werden die Wächter und Unterhaltsarbeiten finanziert. «Das eingenommene Geld und die Spenden kommen vollumfänglich dem Hilfsprojekt zugute», betont Volkan Karagülle. «Unser Engagement ist ehrenamtlich. Wir bezahlen auch unsere Reisen nach Afrika selbst.»
Es gibt noch viel zu tun
Mittlerweile ist der Kiosk in Abotareye mehr als eine Wasserstelle, auch dank des zusätzlichen Pavillons. Die Anlage ist zu einem sozialen Treffpunkt und Lernort geworden. Menschen aus der Umgebung kommen vorbei, um Sitzungen abzuhalten. Ausserdem gibt es eine Schule, einen Kindergarten und eine Kita, die inzwischen von rund 140 Kindern besucht werden. Und der Verein hat weitere Ideen für das Gelände. «Wir möchten einen Modell-Schulungs-Garten bauen, damit die Menschen während der Trockenperiode keinen Hunger mehr leiden müssen», sagt Kolumban Baumgartner. Auch weitere Trinkwasserstationen sind geplant. Doch was umgesetzt wird, hängt vom verfügbaren Geld ab. «Im Fokus stehen Dörfer, die weder sauberes Wasser noch Strom haben», so der Vereinspräsident. «Davon gibt es leider viele. Wir haben noch einiges zu tun.»

