Mithilfe des QuartierLab Russen/Hof entwickeln die St.Galler Stadtwerke (sgsw) ein Referenzmodell für die städtische Energieversorgung der Zukunft. Es geht um skalierbare Lösungen für Quartiere – datenbasiert, dezentral und klimaschonend. Marco Letta, Unternehmensleiter der sgsw, gibt Einblick in ein Projekt mit Signalwirkung weit über St.Gallen hinaus.
Möglichst einfach zusammengefasst: Um was geht es beim QuartierLab Russen/Hof?
Das QuartierLab ist ein Pilotprojekt der St.Galler Stadtwerke, in dem wir unter realen Bedingungen die verschiedenen Optimierungsmöglichkeiten einer dezentralen, vernetzten und flexiblen Energieversorgung testen können. Im Zentrum steht dabei der intelligente Umgang mit Daten. Nur wenn wir Energieflüsse verstehen, messen und gezielt steuern können, lässt sich ein zunehmend dezentrales Energiesystem stabil und effizient betreiben.
Warum braucht es für die Erfassung und Auswertung dieser Daten ein ganzes Quartier?
Unsere Energieversorgung verändert sich zurzeit stark. Immer mehr Energie wird lokal produziert – etwa durch Photovoltaik- oder Wärmekraftkopplungs-Anlagen – während gleichzeitig der Strombedarf durch Wärmepumpen und Elektromobilität steigt. Deshalb kommt der Dezentralisierung künftig eine immer grössere Bedeutung zu. In dieser neuen Energiewelt spielen die Quartiere eine Schlüsselrolle. Hier werden künftig Produktion, Verbrauch und Infrastruktur noch enger miteinander verknüpft sein. Wenn wir es schaffen, Energieflüsse auf Quartierebene intelligent zu steuern, können wir die wachsende Komplexität des Energiesystems besser beherrschbar machen.
Wie sieht diese Dezentralisierung der Energie konkret aus?
Heute fliesst Strom nicht mehr wie früher einseitig vom Kraftwerk zum Verbraucher. Er wird zunehmend auch lokal produziert und ins Netz zurückgespeist. Überschüssiger Solarstrom vom Dach, der nicht vor Ort verbraucht werden kann, ist ein typisches Beispiel dafür. Das verursacht Schwankungen bei der Spannung – sie ist zu hoch bei viel Sonne und zu niedrig bei gleichzeitig hohem Verbrauch durch Elektroautos oder Wärmepumpen. Unsere aktuellen Stromnetze sind dafür nicht ausgelegt. Mit intelligenter Steuerung und passenden Anreizsystemen lassen sich solche Effekte deutlich reduzieren. So können kostenintensive Netzausbauten auf das notwendige Mass beschränkt werden.
Wie hilft das der Stadt St.Gallen bei der Umsetzung der geforderten Energiewende?
Die Pfeiler einer emissionsfreien Energieversorgung sind Dezentralisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung. Wir als St.Galler Stadtwerke arbeiten mit Hochdruck daran, Lösungen entlang dieser drei Dimensionen zu realisieren.
Dazu gehört der gezielte Ausbau dezentraler Anlagen ebenso wie der Aufbau unserer IT-Fähigkeiten, um die Entwicklung eines digitalen Zwillings, also eines virtuellen Abbilds des Energieversorgungssystems, aktiv voranzutreiben. Dieser wird es uns ermöglichen, Energieverbraucher und -produzenten im Sinne eines flexiblen Gesamtsystems optimal zu steuern. Gleichzeitig treiben wir die Dekarbonisierung aktiv voran, beispielsweise durch den konsequenten Ausbau der Fernwärme oder die schrittweise ökologische Weiterentwicklung der Gasversorgung. Das QuartierLab dient uns dabei als reales Testfeld.
Warum eignet sich das Quartier Russen/Hof besonders als städtisches Energielabor?
Das Quartier ist geprägt von einem älteren Gebäudebestand aus den 1970er und 1990er-Jahren – genau das macht es so interessant. Denn die Herausforderung der Energiewende liegt vor allem darin, bestehende Strukturen weiterzuentwickeln.
Zudem befinden sich in diesem Quartier viele Liegenschaften im Besitz weniger Eigentümerschaften. Dadurch lassen sich Projekte besser gemeinsam und koordiniert umsetzen. Hinzu kommt, dass wir mit einigen dieser Immobilienbesitzer bereits in der Vergangenheit zusammengearbeitet haben. Dieses Vertrauen erleichtert die Umsetzung innovativer Ansätze erheblich.
Was konkret sind die Vorteile für die Partner, die beim QuartierLab Russen/Hof mitwirken?
Für die Immobilienpartner bietet das QuartierLab die Möglichkeit, konkrete Unterstützung für die energetische Weiterentwicklung ihrer Bestandsimmobilien zu erhalten. Das stärkt langfristig sowohl die Attraktivität der einzelnen Liegenschaften als auch des gesamten Quartiers.
Die Technologiepartner wiederum profitieren davon, dass sie ihre bestehenden Lösungen unter realen Bedingungen weiterentwickeln können. Das QuartierLab verstehen wir als gemeinsames Lernfeld, in dem Innovationen schneller vorangebracht werden können als in klassischen Projektstrukturen.
Das QuartierLab hat nun mit den verschiedenen Immobilien- und Technologiepartnern Fahrt aufgenommen. Wie sieht es mit den Bewohnerinnen und Bewohnern aus, welche Rolle spielen sie?
Die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers Russen/Hof sind Teil des Lernfelds. Ob sie dabei direkt eine aktive Rolle übernehmen wollen oder nur indirekt und passiv dabei sind, werden sie selbst entscheiden können. Viele der Massnahmen, an denen wir aktuell arbeiten, finden im Hintergrund statt und sind für sie an der Steckdose nicht konkret spürbar. Zentral für uns ist, dass die Bewohnerinnen und Bewohner niemals einen Nachteil aus der Teilnahme am QuartierLab haben werden. Vielmehr werden wir zu einem späteren Zeitpunkt gemeinsam mit ihnen erarbeiten, wie sie Vorteile aus diesen Entwicklungen ziehen können.
Wir können mit dem QuartierLab aufzeigen, dass sich bestehende Quartiere energietechnisch Schritt für Schritt in Richtung Zero-Emission transformieren lassen.
Wird Russen/Hof das erste Zero-Emission-Quartier der Stadt St.Gallen?
Das QuartierLab wird sicher einen wichtigen Beitrag zum Netto-Null-Ziel der Stadt St.Gallen beitragen. Ob ein Quartier und letztlich eine Stadt aber vollständig emissionsfrei werden, hängt von vielen zusätzlichen Faktoren ab – etwa auch von Mobilität, Logistik oder Konsumverhalten –, auf die wir als Energieversorgungsunternehmen keinen Einfluss haben.
Wir können mit dem QuartierLab aber aufzeigen, dass sich bestehende Quartiere energietechnisch Schritt für Schritt in Richtung Zero-Emission transformieren lassen. Gelingt uns das, entsteht ein Modell mit grosser Strahlkraft – für St.Gallen und darüber hinaus.
