Mitten im dichten Verkehr wächst an der Rorschacher Strasse die Trinkwasserleitung Meter für Meter. Mit präziser Handarbeit, modernem Material und grösster Sorgfalt erneuern die St.Galler Stadtwerke den letzten Abschnitt eines Projekts, das zur zuverlässigen Trinkwasserversorgung beiträgt.
Der Arbeitstag auf der Baustelle an der Rorschacher Strasse auf Höhe Kirche Neudorf ist wenige Stunden alt. Die ersten Rohre liegen bereits im Graben. Jetzt folgt das Verbindungsstück, das die beiden Rohre zusammenführt. Ein Bauarbeiter befestigt das Verbindungsstück mit Ketten an der Baggerschaufel. Danach wird es über die Baugrube gehievt und langsam hinuntergelassen. Unten im Graben geben die Kollegen kurze Anweisungen, deuten mit Händen nach links oder rechts und richten das Teil präzise aus. Dann ein Handzeichen nach oben, und der Baggerführer stoppt. Die Ketten werden gelöst, und sofort machen sich die Männer daran, die Rohre zusammenzuführen.
Letzte Etappe eines grossen Projekts
Seit Anfang November erneuern die St.Galler Stadtwerke (sgsw) im Auftrag der Regionalen Wasserversorgung St.Gallen AG (RWSG) die Wasserleitung an der Rorschacher Strasse. Der rund 200 Meter lange Abschnitt zwischen der Kreuzung Lindenstrasse und dem Stollen Neudorf ist der letzte Teil eines grösseren Projekts: Die über 100 Jahre alte Wasserleitung von Goldach in die Stadt St.Gallen wird etappenweise ersetzt. Sie ist eine der beiden Haupttransportleitungen, die vom Bodensee in die Stadt führen. «Mit den aktuellen Arbeiten können wir die sukzessive Erneuerung dieser wichtigen Transportleitung fast abschliessen», sagt Michele Carizzolo, Ressortleiter Projektierung im Bereich Wasser, Gas und Wärme der sgsw.
Die Fertigstellung war ursprünglich früher geplant. Doch Verzögerungen bei der Fahrbahnverbreiterung verhinderten das. «Wir planen Leitungserneuerungen sofern möglich immer zusammen mit anderen Strassenbauprojekten», erklärt Carizzolo. Dies, um Kosten zu sparen, Synergien zu nutzen und die Beeinträchtigungen für die Bevölkerung so gering wie möglich zu halten. «Das bedeutet aber auch: Verzögern sich andere Bauprojekte – etwa durch Einsprachen – wirkt sich das auch auf uns aus». So ist der Zeitplan für die sgsw-Mitarbeitenden aktuell eine der grössten Herausforderungen. «Wir wollen bis Weihnachten fertig sein», betont Nico Hunger, der die Gruppe Rohrnetzmonteure der sgsw vor Ort leitet. Das sei ein ziemlicher Zeitdruck. «Vor allem, weil wir auch auf das Wetter angewiesen sind, und das ist in dieser Jahreszeit nicht immer optimal.» Bei Regen oder Schnee beispielsweise könne man den Aushub nicht direkt in der Deponie ablagern. «Das beeinflusst unsere Arbeit sehr.»
Stecken und verzahnen, statt verschweissen

Textalternative zum Bild: Nico Hunger ist Gruppenleiter Rohrnetzmonteure. - neues Fenster
In diesen Tagen zu November-Beginn haben die sgsw-Mitarbeitenden Glück. Die Sonne scheint und die Temperaturen sind für diese Jahreszeit überraschend mild. So kommen sie und ihre Kollegen vom Tiefbau auch an diesem Morgen gut voran. Das Verbindungsstück, ein sogenanntes Muffen-T-Stück, ist bereits an dem einen Rohr montiert, das andere wird nun hineingeschoben. «Wir arbeiten mit einem herkömmlichen Steckmuffensystem, das ohne Schweissen auskommt», erklärt Hunger und gibt seinen Kollegen im Graben das Zeichen für die nächsten Schritte. Nachdem das Rohr an der Muffe angesetzt ist, wird es bis zur Markierung hineingeschoben. So sitzt die Verbindung dicht. Eine innere Sicherung verhindert zudem, dass sich die Rohre später wieder lösen oder herausgezogen werden können.
«Damit sollte die Leitung die nächsten 80 bis 100 Jahre zuverlässig funktionieren», sagt er. Die Rohre selbst sind sechs Meter lang und sowohl innen als auch aussen zementbeschichtet. «Die Beschichtung schützt das Rohr vor Korrosion und hilft dabei, kleine Risse selbst zu verschliessen», ergänzt Carizzolo. Rund um die Rohre wird Betonkies verlegt, was die Rohre zusätzlich schützt. Die neue Wasserleitung verläuft nur wenige Meter neben der alten, die vor Beginn der Bauarbeiten aus Sicherheitsgründen stillgelegt wurde. Versorgungsengpässe gab es deswegen nicht. «Die Wasserversorgung in St.Gallen ist gut vernetzt, Ausfälle lassen sich in der Regel gut über andere Leitungen abfangen», erklärt der Projektleiter.
Die Wasserversorgung in St.Gallen ist gut vernetzt, Ausfälle lassen sich in der Regel über andere Leitungen abfangen.
Rohre waren über 100 Jahre alt
Die Wasserversorgung der Stadt St.Gallen wird über zwei Transportleitungen sichergestellt. Die Hauptleitung führt vom Seewasserwerk Frasnacht hinauf nach St.Gallen, die zweite verläuft vom Pumpwerk Riet I in Goldach in die Stadt. Sie dient der Noteinspeisung, falls die Wasserversorgung via Hauptleitung ausfallen sollte. Die frühere «Ersatzleitung» stammte aus den Jahren 1897 und 1907. «Die Rohre waren zwar noch in einigermassen gutem Zustand, aber das Risiko war einfach zu hoch», erklärt Nico Hunger. «Gerade bei Erschütterungen hätten wir nicht mehr viel Reserve gehabt.»
Die Erneuerung der Wassertransportleitung auf städtischem Boden startete im Jahre 2010 mit der ersten Etappe auf Höhe Buchentalstrasse. Danach folgten weitere sechs Etappen. Insgesamt wurden in 15 Jahren zwischen Schieberschacht St.Fiden und Zil rund zwei Kilometer Transportnetz erneuert. Bis Ende 2025 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.

Textalternative zum Bild: Schrittweise werden die sechs Meter langen Rohre verlegt. - neues Fenster
Oberstes Gebot ist die Hygiene
Im Graben gehen die Arbeiten konzentriert weiter, während oben der Verkehr vorbeizieht. Auch dieser stellt für die Bauarbeiter an der Rorschacherstrasse eine grosse Herausforderung dar. Lastwagen, Busse, Autos, Töff- und Velofahrende rollen ununterbrochen an den rot-weissen Absperrlatten vorbei, zwar nur im Schritttempo, aber dennoch dicht an der Baustelle. «Für uns war wichtig, dass der Verkehr weiterhin zweispurig fliessen kann», sagt der Rohrnetzmonteur. «Das erhöht die Akzeptanz in der Bevölkerung, auch wenn es für uns im Graben zusätzliche Aufmerksamkeit braucht.»
Die RWSG stellt die Versorgung mit Trink-, Brauch- und Löschwasser für über 150'000 Menschen in der Region sicher und ist von der Fassung des Rohwassers über die Aufbereitung bis hin zum Transport verantwortlich. Die Hauptaufgabe der RWSG besteht darin, den Betrieb des Seewasserwerks in Frasnacht sowie des Hochdruckpumpwerks Riet I in Goldach samt den dazugehörigen Transportanlagen sicherzustellen. Heute sind zwölf Ostschweizer Partner an diesem Unternehmen beteiligt. Die Betriebsführung der RWSG liegt bei den St.Galler Stadtwerken.
Aktuell liegen die Arbeiten gut im Zeitplan. Die Rohre können zügig verlegt werden, und im Graben wächst die neue Leitung Meter um Meter. Bevor jedoch Trinkwasser hindurchfliessen kann, sind mehrere Tests nötig. Zunächst wird die Leitung gründlich gespült, und dafür rauschen mehrere Hundert Kubikmeter Wasser durch die Rohre. Anschliessend werden Proben entnommen, die im Labor die Qualität des Trinkwassers bestätigen müssen. «Wir gehen davon aus, dass die Werte stimmen werden, weil wir alles unternehmen, um die Hygiene sicherzustellen», sagt Carizzolo. Diese Sorgfalt ist von Beginn weg zentral. Sobald ein Rohr die Produktion verlässt, wird es an beiden Enden mit einem Kunststoffdeckel verschlossen, damit kein Fremdmaterial ins Innere gelangt. So bleibt es bis zum Einbau im Graben. Ist ein Rohr verlegt, dichtet ein aufblasbarer Ballon das offene Ende ab, da dieser robuster und widerstandsfähiger ist als der Deckel. Erst wenn alle Qualitätsprüfungen bestanden sind, kann die neue Leitung in Betrieb gehen, und dafür sorgen, dass das St.Galler Trinkwasser auch weiterhin zuverlässig dort ankommt, wo es gebraucht wird.
