Fehlerhafte elektrische Installationen sind gefährlich. Sie können Brände auslösen oder sogar tödlich enden. Darum müssen neu installierte Elektroanlagen kontrolliert werden. Marko Samardzic ist Elektrokontrolleur bei den St.Galler Stadtwerken – und fühlt sich bei seiner Arbeit manchmal wie Sherlock Holmes.
«Das ist gefährlich», sagt Marko Samardzic. Er steht im Technikraum einer modernen Wohnüberbauung am Rand der St.Galler Altstadt und zeigt nach oben. An der Decke, zwischen dicken Rohren, hängt eine nackte Glühbirne. «Am Kabel gibt es eine offene Klemmstelle», erklärt er und macht ein Foto. Diesen Mangel wird er später in seinem Kontrollbericht erwähnen. «Nach so einer Entdeckung werde ich erst recht neugierig», sagt er und öffnet die nächste Tür im Kellergeschoss. Mit geübtem Blick scannt er die elektrischen Installationen ab. Er entdeckt freihängende Kabel, in einer Waschküche fehlt auf den Steckdosen der Kleber mit der Sicherungsnummer. Auch das wird er später im Kontrollbericht notieren.
Fehler finden, Risiken vermeiden
Wer ein neues Gerät – eine Wärmepumpe, eine Ladestation fürs Elektroauto oder eine Photovoltaikanlage – ans Stromnetz anschliessen möchte, muss beim Netzbetreiber einen Antrag stellen. Marko Samardzic und weitere Fachleute bei den St.Galler Stadtwerken (sgsw) prüfen, ob der Anschluss technisch machbar ist und welche Vorschriften eingehalten werden müssen. Je nach Fall verlangen sie zusätzliche Massnahmen: etwa Schutzeinrichtungen bei einer PV-Anlage oder ein Lastmanagement bei mehreren E-Ladestationen. Um die Formalitäten – vom technischen Anschlussgesuch bis zur Installationsanzeige – kümmert sich in der Regel die Installationsfirma. Sie bestellt auch den neuen Stromzähler, der von einem Monteur der sgsw installiert wird. Ist alles fertig angeschlossen, führt die Installationsfirma eine Schlusskontrolle durch und stellt den Sicherheitsnachweis aus. Dieser muss spätestens ein Jahr nach der Installation bei den sgsw sein. Warum dieses aufwändige Prozedere? Es dient der Sicherheit, sagt Elektrokontrolleur Marko Samardzic: «Strom sieht und riecht man nicht. Das macht ihn so gefährlich.»
Er überprüft die Angaben der Firmen aber nicht nur vom Schreibtisch aus, sondern auch vor Ort. «Eine solche Werkskontrolle ist wie Detektivarbeit», sagt der 34-Jährige. Oft muss er zuerst die Liegenschaftsverwaltung ausfindig machen, um Zugang zu den Technikräumen zu erhalten. Dann muss er herausfinden, wo die zu überprüfenden Anlagen montiert wurden. Damit er möglichst speditiv arbeiten kann, hat Marko Samardzic einen festen Ablauf. Zuerst verschafft er sich einen Überblick über die Örtlichkeiten. «Sonst tappe ich im Dunkeln und laufe unnötige Kilometer», schmunzelt er, während er durch das unterirdische Labyrinth eilt, unzählige Türen öffnet, Abdeckungen entfernt und Mängel dokumentiert, die ihm auf den ersten Blick auffallen.
Kontrolle mit System und Schutzhelm
Die eigentliche Kontrolle startet beim Hausanschlusskasten – dort, wo der Strom ins Gebäude kommt. In dieser Überbauung ist er mit 630 Ampere abgesichert. Von dort aus folgt der Elektrokontrolleur den Leitungen bis zur letzten Steckdose: «Ich gehe vom dicksten Kabel zum dünnsten.» Um die Installation des Hausanschlusskastens zu kontrollieren, zieht Marko Samardzic seine persönliche Schutzausrüstung an: eine flammenhemmende Jacke, ein Helm mit Blende und Spezialhandschuhe. Dann entfernt er vorsichtig die Abdeckung für eine visuelle Kontrolle. Trotzdem muss er auf alles vorbereitet sein: «Vielleicht gibt es eine lockere Schraube, die auf die Kupferschiene fällt. Dann knallt’s!»
Was er im Gebäude vorfindet, vergleicht der Elektrokontrolleur akribisch mit den Bewilligungsunterlagen. Für eine bessere Übersicht breitet er alle Papiere am Boden aus und schon bald kniet er inmitten von unzähligen Papierstapeln – für jede Anlage einen. Nun ist er optimal vorbereitet für einen zweiten Rundgang durch die Überbauung. Jetzt prüft er, ob die geforderten Schutzmassnahmen wie Erdung oder Sicherungen vorhanden sind, ob die von der Installationsfirma angegebenen Messwerte korrekt sind oder ob es in der Tiefgarage nur so viele Ladestationen hat, wie bewilligt wurden. Ist er ein «Tüpflischiisser»? Marko Samardzic lacht. «Für meine Arbeit gibt es klare Normen und Vorschriften. Da kann ich nicht Handgelenk mal Pi arbeiten. Ich übertreibe es aber nicht. Zum Tüpflischiisser werde ich erst, wenn eine Installation fehlerhaft ist.»
Für meine Arbeit gibt es klare Normen und Vorschriften. Da kann ich nicht Handgelenk mal Pi arbeiten.
Viele Schritte für mehr Sicherheit
Bei gravierenden Mängeln, wie einem Schutzleiterunterbruch oder einem Schutzleiter unter Spannung, muss der Elektrokontrolleur die Installation sofort vom Netz nehmen. In diesen Fällen bestünde ein erhöhtes Risiko von Stromschlägen und Bränden. Andere Mängel müssen die Eigentümerinnen oder Eigentümer der Liegenschaft innerhalb der gesetzten Frist beheben lassen. Die lokalen Installationsfirmen würden zuverlässig und gewissenhaft arbeiten, sagt der Experte.
Nach seiner Lehre als Elektroinstallateur bildete sich Marko Samardzic zum Sicherheitsberater, Projektleiter und Meister weiter. Seit zwei Jahren arbeitet er bei den sgsw als Elektrokontrolleur, wo er in einem Zweierteam die Installationsgesuche bearbeitet, Werks- und periodische Kontrollen sowie Vergleichs- und Netzqualitätsmessungen durchführt. Seine Arbeit wirke auch im Privatleben nach: «Wenn ich mit meiner Familie ins Schwimmbad gehe, werfe ich automatisch einen Blick auf die Installationen.»
Unterdessen steht Marko Samardzic im Innenhof der Überbauung und schaut etwas ratlos in seine Unterlagen. Wo bloss ist der Wechselrichter, der den Strom aus der PV-Anlage in Wechselstrom umwandelt? Manchmal verrät eine Leitung an der Fassade den Standort. Doch Fehlanzeige. Auch ein Blick auf Google Maps hilft nicht weiter. «Jetzt muss ich suchen. Aber genau das gefällt mir an meiner Arbeit», sagt er. Falls ihm sein Spürsinn nicht weiterhilft, wird er bei der Installationsfirma nachfragen. Was aber kein Problem sei: «Wir pflegen ein gutes Miteinander mit den lokalen Firmen und einen Austausch auf Augenhöhe.» Doch darum wird er sich später kümmern. Jetzt eilt er weiter, denn es gibt noch viel zu kontrollieren heute. An Tagen wie diesen zählt sein Schrittzähler bis zu 15'000 Schritte. Auch für ihn, der früher regelmässig Karate trainierte, eine ganze Menge.
Morgen steht dann wieder Büroarbeit auf dem Programm. Die Mängel aus der heutigen Werkskontrolle müssen dokumentiert werden. «Am liebsten ist mir aber immer, wenn ich gar keinen Kontrollbericht schreiben muss», sagt Marko Samardzic – und lacht.
