Immer mehr Häuser in der Stadt St.Gallen sind ans Fernwärmenetz angeschlossen. Damit Heizwärme und Warmwasser zuverlässig verfügbar bleiben, wird das Netz laufend gewartet. Dafür verantwortlich ist Angelo Di Liberto, Gruppenleiter Netzbetrieb bei den St.Galler Stadtwerken. Eine Arbeit, bei der Sicherheit und Sorgfalt oberste Priorität haben.
Eine ruhige Quartierstrasse im Lachen-Quartier im Westen der Stadt St.Gallen. Auf der einen Seite moderne Wohnblöcke aus Backstein, auf der anderen Häuser und Industriegebäude mit Geschichte. Angelo Di Liberto steht am Rand einer Baugrube und blickt hinunter. Drei Meter unter ihm schweissen gerade Spezialisten einer externen Firma neue Rohre zusammen; die frischen Schweissnähte schimmern bläulich. Die Männer arbeiten konzentriert und speditiv, die Zeit drängt: Noch ist das Wetter frühlingshaft mild, doch auf den Nachmittag ist ein Wetterumschlag angesagt. Und bei Nässe und Kälte leidet die Präzision.
«Hier am Dehnungsschenkel hatten wir ein Leck», erklärt Angelo Di Liberto und deutet auf die Stelle, wo die Leitung ein «U» macht. Fernwärmeleitungen sind grossen Temperaturunterschieden ausgesetzt. Die Vorlaufleitung wird gleitend, abhängig von der Aussentemperatur, zwischen 80 und 130 °C betrieben; die Temperatur der Rücklaufleitung beträgt rund 55 °C. Dieses «U» wird darum als Dehnungsschenkel bezeichnet, da es die Ausdehnung der Fernwärmeleitung abfedert wie ein Puffer. Angelo Di Liberto zeigt auf die herausgeschnittenen Leitungsstücke, die neben der Baugrube in einer Mulde liegen. Die Rohre stammen aus den 1990er-Jahren. Das Lachen-Quartier war eines der ersten Gebiete, das ans damals noch neue städtische Fernwärmenetz angeschlossen wurde. «Eigentlich sollten die Leitungen 70 Jahre halten», sagt der Fernwärme-Spezialist. Er vermutet darum einen Montagefehler.
Lecksuche mit Geduld und Erfahrung
Als Gruppenleiter Netzbetrieb ist Angelo Di Liberto für Betrieb, Wartung und Reparatur des Fernwärmenetzes verantwortlich. Weil das Netz komplett unterirdisch verläuft, ist das Aufspüren von Leckagen anspruchsvoll. «Wir sind leider keine Hellseher», lacht er. Vielmehr muss er sich auf die sogenannte Netzüberwachung verlassen. Diese besteht aus zwei dünnen Messdrähten, die eingebettet in die gelbe Isolationsschicht entlang jeder Leitung verlaufen. Dringt Feuchtigkeit ein, leuchtet im Leitsystem eine Fehlermeldung auf. Allerdings kann das Leck nicht punktgenau angezeigt werden.
Oft dauert es darum Tage, bis Angelo Di Liberto und sein Kollege Carlos Ares die Schadstelle aufgespürt haben. «Bei diesem Leck zeigte das Leitsystem einen 500 Meter langen Abschnitt an», erklärt der Gruppenleiter. Vor Ort konnten sie mit speziellen Impulsmessungen und GPS-Daten die Schadstelle auf einen Abschnitt zwischen zwei Liegenschaften eingrenzen. Neben der Technik hilft auch die Erfahrung. «Wir müssen ganz sicher sein, wo das Leck ist. Denn jedes Aufreissen der Strasse kostet viel Geld», sagt er und fügt lachend und mit etwas Stolz an: «Wir lagen noch nie falsch.»
Jede Reparatur am Fernwärmenetz benötigt Planung, Vorbereitung und Koordination. «Wir müssen uns mit dem Tiefbauamt, der Polizei und spezialisierten Bau- und Montagefirmen abstimmen», erklärt Angelo Di Liberto. «Und wir versuchen immer, die Reparaturarbeiten mit bereits geplanten Bauvorhaben zu koordinieren.» Ein zentraler Punkt ist auch die Information der Anwohnenden. Sie werden möglichst frühzeitig darüber informiert, dass die Versorgung mit Heizwärme und Warmwasser unterbrochen wird. Die Reparaturen werden darum wann immer möglich in den wärmeren Monaten – also zwischen März und Oktober – durchgeführt. Trotzdem ist warmes Wasser manchmal auch dann gefragt. «Für einen Coiffeursalon haben wir einmal einen mobilen Wärmeerzeuger organisiert», erzählt Carlos Ares.
Arbeiten unter anspruchsvollen Bedingungen
Zurück zur aktuellen Baustelle. Dort, wo die Quartierstrasse in eine grössere Strasse mündet, stemmt Carlos Ares mit einem Stemmeisen einen Betondeckel im Trottoir auf. Darunter liegt ein Schacht, etwa so gross wie ein Zimmer. Hier kreuzen sich mehrere Fernwärmeleitungen. Um fünf Uhr morgens haben die Fernwärme-Spezialisten die zu reparierende Leitung abgeschiebert und entleert. «Die Schächte sind für uns ein wichtiger Zugangspunkt zum Leitungssystem. Wir warten sie darum regelmässig», erklärt Angelo Di Liberto. Dazu gehört das Abdichten der Schachtdeckel mit Fett, damit Technik und Stromversorgung in den Schächten vor Wasser geschützt ist.
Das Arbeiten im Untergrund ist anspruchsvoll und nicht ungefährlich. Vor jedem Einsatz prüfen die Monteure die Luftqualität im Schacht. Sind die Fernwärmeleitungen noch nicht isoliert, ist es ausserdem heiss und stickig. Es braucht aber nicht nur eine gute körperliche Konstitution, sondern auch hohe Konzentration. Der Standarddruck in den Leitungen beträgt 15 bar, die maximale Wassertemperatur 130 Grad: Eine Unachtsamkeit kann schwere Schäden oder Verletzungen zur Folge haben. Aus Sicherheitsgründen arbeiten sie darum immer im Team; das Vier-Augen-Prinzip ist Standard, sagt Angelo Di Liberto: «Wir müssen sehr sorgfältig arbeiten. Schnellschüsse liegen nicht drin.»
Wir müssen sehr sorgfältig arbeiten. Schnellschüsse liegen nicht drin.
Fernwärme gewinnt an Bedeutung
Seit 15 Jahren arbeitet er bereits bei den St.Galler Stadtwerken. 12 Jahre war er in der Abteilung Gas und Wasser tätig, vor drei Jahren wechselte er zur Fernwärme. «Ein spannender Bereich – gerade mit Blick auf die Zukunft», sagt er. Die Stadt St.Gallen will bis 2050 klimaneutral werden und fossile Energieträger ersetzen. Im Bereich Wärme setzt sie in der Talsohle auf die Versorgung mit Fernwärme. Der Grossteil der Wärme wird durch das Verbrennen von Abfall im Kehrichtheizkraftwerk St.Gallen im Sittertobel generiert. Der restliche Teil stammt aus den Fernwärmezentralen. Um Lastspitzen an besonders kalten Tagen zu decken, werden dort Gas und Öl verwendet. Dies sorge immer wieder für Diskussionen, sagt Angelo Di Liberto. Er nutze dann jeweils die Gelegenheit, die Vorteile der Fernwärme aus einer übergeordneten Perspektive zu erklären: «70 Prozent ist erneuerbare Abwärme aus dem Kehrichtheizkraftwerk. Zudem haben die Zentralen effiziente Filtersysteme und verursachen darum deutlich weniger Emissionen als eine private Zentralheizung.» Ausserdem werden auch diese fossilen Energieträger langfristig durch klimaschonende ersetzt.
In den kommenden Jahren wird das städtische Fernwärmenetz weiter ausgebaut. Mit seinem Team sorgt Angelo Di Liberto dafür, dass die neuen Leitungen präzise und sicher ans bestehende Netz angeschlossen werden. Die nächsten Monate werden darum intensiv. Abschalten kann er am besten, wenn er sich ganz aus dem Alltag ausklinkt. Darum reist er mehrmals im Jahr nach Griechenland, wo seine Partnerin, eine Griechin, ein Haus besitzt. «Danach komme ich immer mit frischer Energie zurück», sagt er. Jetzt liegt der Fokus aber noch ganz auf dem frisch reparierten Dehnungsschenkel. Unterdessen ist die letzte Verbindung geschweisst. Sobald die Nähte kontrolliert sind, kann Angelo Di Liberto die Leitung freigeben. Die Anwohnerinnen und Anwohner werden pünktlich zum Feierabend wieder heizen und warm duschen können.
