Schon als Kind war für Aras Ento klar, was er einmal machen möchte: «Öppis mit Strom». Dem Traumberuf ist er nun einen Schritt näher: Im letzten Sommer hat er bei den St.Galler Stadtwerken die Ausbildung als Netzelektriker angefangen. Nun lernt er die städtische Stromversorgung im Detail kennen und hat auch mal einen Arbeitsplatz in luftiger Höhe.
Man hört sie schon von weitem: Die Appenzeller Bahn. Dann biegt sie um die Kurve und hält wenig später an der Haltestelle Schwarzer Bären oberhalb der Stadt St.Gallen. Viele Leute steigen aus, nach draussen gelockt vom herrlichen Frühlingswetter. Die Temperaturen angenehm, der Himmel strahlend blau und wolkenlos, die Hügel rundum leuchten in frischem Grün. In der Ferne der Bodensee, versteckt unter einer Dunstglocke.
Aras Ento hat keine Zeit, das Wetter und die Aussicht zu geniessen. Er hat im letzten August die Ausbildung als Netzelektriker bei den St.Galler Stadtwerken (sgsw) angefangen und heute geht es für den Lernenden hoch hinaus: Er soll die Freileitung erden.
Körpereinsatz und Kabel
Bei der Freileitung, die über die Hügel führt, muss das Netzelektriker-Team einen Mast ersetzen. Ein Specht und die Witterung haben dafür gesorgt, dass der Holzmast morsch wurde und nun ein Sicherheitsrisiko darstellt. Bevor die Netzelektriker mit der Demontage beginnen, haben sie den Strom abgeschaltet. Nun muss geprüft werden, ob die Leitungen, wo normalerweise 400 Volt Spannung fliessen, spannungsfrei sind. Als weitere Sicherheit muss eine Erdung angebracht werden. Für diese Arbeiten wird Aras Ento den neun Meter hohen, gesunden «Nachbarmast» erklimmen. Konzentriert steigt er in seine Kletterausrüstung, schnallt die Steigeisen um und setzt sich einen Helm mit Blende auf. Dann legt er einen Sicherungsgurt um den Mast und beginnt langsam mit dem Aufstieg.
«Im dritten Lehrjahr wird er flink die Masten hochsteigen», sagt Timo Brunnenmeister, Ressortleiter Leitungsbau Netz Telecom und Elektrizität und seit zwei Jahren zuständig für die Netzelektriker-Lernenden. Aufmerksam beobachtet er jeden Handgriff von Aras Ento und ruft ihm Anweisungen zu: «Du musst zuerst das Wurfseil nach unten lassen und dann die Gummihandschuhe anziehen.» Mit dem Seil wird der Lernende später die Erdungsgarnitur nach oben ziehen und sie an den Drähten befestigen.
Schon als Kind wusste Aras Ento, was er einmal arbeiten möchte: «Öppis mit Strom». Als er sich in der Oberstufe intensiver mit der Berufswahl beschäftigte und im Internet recherchierte, wurde er auf die Lehrstelle als Netzelektriker bei den sgsw aufmerksam. Er bewarb sich, führte ein Bewerbungsgespräch mit Timo Brunnenmeister und machte eine einwöchige Schnupperlehre. Er schnupperte auch noch in der Informatikbranche und im Detailhandel. «Danach war klar, dass die Lehre als Netzelektriker das richtige ist», sagt Aras Ento.
In den letzten Monaten habe ich gelernt, wie man die verschiedenen Geräte bedient und mit dem Werkzeug umgeht.
Alltag mit Abwechslung
Die sgsw bieten jedes Jahr zwei Lehrstellen für angehende Netzelektrikerinnen oder Netzelektriker an. Während der dreijährigen Ausbildung erhalten die Lernenden einen umfassenden Einblick in die verschiedenen Tätigkeitsbereiche – Arbeiten an der Freileitung sind nur ein Teil davon. Die Aufgaben reichen von den Grundlagen des Leitungsbaus über die öffentliche Beleuchtung und den Betrieb von Unterwerken bis hin zur Störungssuche und dem Bau von Trafostationen. «Unser Ziel ist es, den vielseitigen Beruf in all seinen Facetten zu vermitteln», sagt Timo Brunnenmeister. Einen Tag pro Woche besuchen die Lernenden die Berufsschule in Chur. «Bei uns sind gute Realschülerinnen und Realschüler sowie am Handwerk interessierte Sekundarschülerinnen und Sekundarschüler am richtigen Ort», sagt der Berufsbildner.
Wer Netzelektrikerin oder Netzelektriker werden möchte, muss neben technischem Verständnis auch handwerkliche Fähigkeiten, Schwindelfreiheit und körperliche Robustheit mitbringen, denn gearbeitet wird mehrheitlich draussen. Das war für Aras Ento die grösste Veränderung in seinem Alltag: «In der Schule sass ich nur auf dem Stuhl, jetzt bin ich den ganzen Tag unterwegs.» Muskelkater habe er aber noch nie gehabt, schmunzelt der Lernende, denn bis vor kurzem habe er mehrmals in der Woche Handball trainiert.
Vom Handballfeld auf die Baustelle
Den Teamgeist, den Aras Ento vom Sport kennt, erlebt er nun auch in der Ausbildung bei den sgsw. Die Lernenden arbeiten immer in einem Team mit erfahrenen Mitarbeitenden. Die Arbeit mit hohen Spannungen birgt Gefahren, so dass die Betreuung der Lernenden oft 1:1 erfolgt. So auch bei der nächsten Aufgabe von Aras Ento. An einem Strommast direkt neben dem Restaurant Schwarzer Bären muss ein Bau-Anschluss montiert werden, der für die Sanierung der nahen Bahn-Haltestelle benötigt wird. Die eine Seite des Anschlusses hat Timo Brunnenmeister mit einer orangefarbigen Gummimatte abgedeckt. «Sie dient als Berührungsschutz, weil diese Seite unter Spannung steht», erklärt er und fügt an, dass solche Arbeiten immer von einem erfahrenen Netzelektriker ausgeführt werden – und nie von einem Lernenden.
Sicherheit hat bei der Ausbildung höchste Priorität. «Es ist wichtig, dass die Lernenden den Umgang mit der persönlichen Schutzausrüstung beherrschen», sagt der Ausbildner und wiederholt mit Aras Ento, wie er die isolierenden Gummihandschuhe auf allfällige Löcher prüft und wie er sie korrekt über die Jackenärmel zieht. «Mir ist bewusst, dass es im Umgang mit Strom viel Vorsicht braucht und man immer überlegt an eine Aufgabe herangehen muss», sagt Aras Ento. Nun nimmt er ein Messgerät, um die Installation des Bau-Anschlusses zu kontrollieren. «In den letzten Monaten habe ich gelernt, wie man die verschiedenen Geräte bedient und mit dem Werkzeug umgeht», sagt der Lernende, der schon immer gerne mit den Händen arbeitete.
Wir haben wirklich einen coolen und vielseitigen Job.
Neben Geräten und Werkzeug arbeiten Netzelektrikerinnen und Netzelektriker auch mit Gefährten aller Art: mit Lastwagen, Kranen, Baggern und Raupendumpern. Sobald die Lernenden die Autoprüfung haben und eine gefährtspezifische Schulung erhalten haben, dürfen sie die Maschinen selbst bedienen. «Wir haben wirklich einen coolen und vielseitigen Job», lacht Timo Brunnenmeister. Bis Aras Ento das Steuer übernehmen darf, muss der 17-jährige aber noch etwas warten.
Die Energieversorgung der Stadt mitgestalten
Bald ist das erste Lehrjahr vorbei. Was war sein Highlight bis jetzt? Die Antwort kommt sofort: «In einer Trafostation, wo die Umwandlung von der Mittel- auf die Niederspannung stattfindet, durfte ich die Kabel anschliessen.» Und Stolz schwingt mit, wenn er ergänzt: «Wenn ich mit meinen Kollegen in der Stadt unterwegs bin, zeige ich ihnen, wo ich schon überall mitgearbeitet habe.»
Unterdessen haben die Netzelektriker den neuen Mast aufgestellt und die Leitungen umgehängt. Nun muss Aras Ento nochmals in die Höhe, um die Erdung zu entfernen. Schon bald wird wieder Spannung auf der Leitung sein. Und wer weiss: Vielleicht zeigt er seinen Kollegen demnächst auch den neuen Mast – und einem Schnupperlernenden, wie abwechslungsreich und wichtig die Arbeit als Netzelektriker oder Netzelektrikerin ist.
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Textalternative zum Bild: Aras Ento führt Arbeiten am Strommasten aus. - neues Fenster
