Nach neun Jahren als Unternehmensleiter der St.Galler Stadtwerke zieht Marco Letta Bilanz. Er spricht über den Abschied vom Silodenken, übers Marathon laufen – und über eine Niederlage, die ihn noch eine Weile schmerzen wird.
Als Sie vor neun Jahren als Unternehmensleiter bei den St.Galler Stadtwerken starteten: Wie einfach war es – nach Erfahrungen bei internationalen Konzernen – sich in einem städtischen Unternehmen zurechtzufinden?
Im ersten halben Jahr musste ich vieles dazulernen. Der grösste Unterschied waren die Prozesse. In der Privatwirtschaft entscheidet der Verwaltungsrat zügig, bei der Stadt sind die Abläufe komplizierter. Auch musste ich lernen, unsere technischen Vorlagen einfach und anschaulich zu erklären. Einmal habe ich einem Politiker den Unterschied von Kilowatt und Kilowattstunden anhand eines Haarföhns erklärt. Das hat mir später immer wieder geholfen, zum Beispiel bei der Präsentation der Ausbauphase 2 des Fernwärmenetzes in Quartiervereinen und bei den Parteifraktionen. Ich konnte aber auch von meiner Erfahrung mit Turnaround-Prozessen in der Privatwirtschaft profitieren. Mir war rasch klar, dass die St.Galler Stadtwerke (sgsw) umgebaut werden müssen, um für die Megatrends der Energiebranche – Dezentralisierung, Digitalisierung und Dekarbonisierung – fit zu sein.
Auf welches Projekt haben Sie von Beginn weg einen Fokus gelegt?
Aus strategischer Sicht auf den digitalen Zwilling, ein virtuelles Abbild des gesamten lokalen Energieversorgungssystems. Das war meine Ur-Vision, die heute in einem Pilotprojekt im Quartier Russen aufgebaut und getestet wird. Operativ lag der Fokus auf dem Ausbau der Netzinfrastruktur. Kurz nach meinem Start stand die Abstimmung über die Ausbaustufe 2 der Fernwärme an. Sie wurde mit überwältigender Mehrheit angenommen, und heute arbeiten wir bereits an den Ausbauphasen 3 und 4. Auch das Stromnetz wird verstärkt, denn E-Mobilität, Wärmepumpen und Photovoltaik benötigen mehr Kapazitäten. Doch für all das braucht es Know-how. Dank einem Stellenausbau haben wir heute ein solides Fundament an Fachkräften, besonders im Bereich Digitalisierung.
Die sgsw sind gut aufgestellt für eine vernetzte Energiezukunft.
Wie haben sich die sgsw aus Ihrer Sicht verändert?
Weg vom Silodenken – hin zu vernetztem Denken. Strom, Gas, Wärme und Wasser waren zwar schon lange in der gleichen Organisation, aber sie agierten in eigenen Welten. Wir mussten ein gegenseitiges Verständnis dafür schaffen, dass es für die Energiezukunft ein Miteinander unserer Netze braucht. Ein solcher Prozess verlangt viel Geduld. Geholfen hat mir dabei sicher, dass ich seit Jahrzehnten Marathon laufe. Im Ausdauersport lernt man durchzubeissen. Heute sind wir gut vernetzt, was ich in den vierteljährlichen Kaderworkshops sehe. Am Anfang waren alle skeptisch, heute findet ein reger Austausch statt. An diesem Kulturwandel habe ich Freude.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Wie sind die sgsw für die Zukunft der städtischen Energieversorgung aufgestellt?
Ganz klar: Wir machen das und treiben es voran. Ohne die sgsw gibt es keine Umsetzung des Energiekonzepts 2050. Unsere Netzinfrastruktur ist gut aufgestellt für eine CO2-neutrale Energieversorgung. Neben dem Ausbau des Fernwärmenetzes wird in Winkeln auch ein Anergienetz gebaut, welches die Abwärme der umliegenden Industrie- und Gewerbebetriebe nutzt. Intern setzen wir ebenfalls Nachhaltigkeitsprojekte um: Bis 2033 wird die gesamte Fahrzeugflotte der sgsw elektrifiziert. Ein Problem sehe ich allerdings: Die aktuelle Rechtsform wird die sgsw zukünftig einschränken. Gerade bei marktnahen Dienstleistungen, wie E-Mobilität, Wärmeverbünde ausserhalb des Stadtgebiets oder Erwerb von benachbarten Stromnetzinfrastrukturen, können andere Unternehmen schneller reagieren.
Was bleibt Ihnen persönlich besonders in Erinnerung aus den vergangenen neun Jahren?
Marco Letta studierte an der ETH und schloss als Dipl. Masch. Ing. ETH/BWI ab. 2000 absolvierte er einen Führungslehrgang am International Institute for Management Development IMD in Lausanne, 2020 folgt der VR-CAS HSG-Lehrgang an der Swiss Board School. In seiner beruflichen Laufbahn war Marco Letta in verschiedenen internationalen Konzernen und Branchen als Verkaufsleiter und Geschäftsführer/CEO tätig - zuletzt bei den sgsw. Ab Juli widmet er sich seinen privaten VR-Mandaten und der gemeinsamen Firma im Bereich Messebau, die seine Partnerin führt – sowie seinen Hobbies: Wandern, Marathonlaufen, Malen, Wein und Holzbearbeitung.
Dass ich es gemeinsam mit meinem Team geschafft habe, die sgsw für eine vernetzte Zukunft aufzustellen und Rahmenkredite im Umfang von 375 Millionen Franken abzuholen. In Erinnerung bleiben werden mir auch zwei grosse Projekte, die gescheitert sind: das Betriebsgebäude für die Technischen Betriebe und die Rechtsformänderung. Letztere ist meine grösste Niederlage. Obwohl wir die Vorlage sorgfältig vorbereitet haben, wurde sie Ende Mai 2026 vom Stadtparlament an den Stadtrat zurückgewiesen. Bildlich gesprochen haben wir die sgsw mit einem super Trainingsplan zum Langstreckenläufer gemacht. Aber nun bekommt er keine Turnschuhe und man bindet ihm sogar noch die Füsse zusammen, damit nur kleine Schritte möglich sind. Das wird mich noch eine Weile schmerzen. Trotzdem gehe ich gerne. Ich war in den letzten 25 Jahren immer in Geschäftsleitungen tätig und habe viel Verantwortung getragen. Nun freue ich mich auf mehr Freiheiten.
